Das Projekt des internationalen Menschenrechtsschutzes zwischen Universalitätsanspruch und Realitätssinn
Abstract
Im Jahr 1993 verabschiedete die Wiener Weltkonferenz für Menschenrechte im Angesicht der massiven geopolitischen Verschiebungen nach 1989 – Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs, Zusammenbruch der Sowjetunion, Überwindung des Kalten Krieges – ihr Abschlussdokument, die «Wiener Erklärung». Fast ein halbes Jahrhundert nach Annahme der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und dem Paukenschlag gleich in ihrem ersten Artikel – «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» – formulierte die internationale Gemeinschaft 1993 einmütig: «All human rights are universal, indivisible and interdependent and interrelated. The international community must treat human rights
globally in a fair and equal manner, on the same footing, and with the same emphasis.»
Freilich wurde das Bekenntnis zur Universalität der Menschenrechte schon damals mit dem Zusatz versehen: «While the significance of national and regional particularities and various historical, cultural and religious backgrounds must be borne in mind, it is the duty of States, regardless of their political, economic and cultural systems, to promote and protect all human rights
and fundamental freedoms.» Eine eigentliche Relativierung stellte dies indes nicht dar, mündet der Beisatz doch im erneuten und verstärkten Bekenntnis der Staatengemeinschaft, dass die Staaten unabhängig von ihrem politischen, wirtschaftlichen und kulturellen System die Pflicht hätten, alle Menschenrechte zu schützen und zu fördern.
Eine Generation später wirkt dieses Bekenntnis fast wie aus der Zeit gefallen, eine Reminiszenz der «goldenen» 1990er Jahre, eine gefühlte Ewigkeit zurückliegend. Und doch unterstreicht ein erst jüngst, wiederum im Konsens der Weltgemeinschaft verabschiedetes Dokument, nämlich der im Zuge des «Future Summit» der Vereinten Nationen im September 2024 angenommene «Pact for the Future» in genau denselben Worten: «We reaffirm that all human rights are universal, indivisible, interrelated, interdependent and mutually reinforcing and that all human rights must be treated in a fair and equal manner, on the same footing and with the same emphasis.» Und: «Following the seventy-fifth anniversary of the Universal Declaration of Human Rights and the thirtieth anniversary of the Vienna Declaration and Programme of Action, we remain committed to promoting and protecting all human rights and fundamental freedoms, including civil, political, economic, social and cultural rights. This includes the right to development. We recommit to realizing our respective obligations to respect, protect and fulfil human rights and to implement all relevant international human rights instruments. All human rights are universal, indivisible, interdependent and interrelated. Human rights are mutually reinforcing and must be treated in a fair and equal manner, on the same footing and with the same emphasis.»
Abgesehen vom «normativen Drall», den das Bekenntnis zu den universalen Menschenrechten vor allem neuerdings auf Betreiben Chinas und von Staaten des Globalen Südens in Richtung eines «right to development» erhalten hat (dazu sogleich noch unten), scheint die Anerkennung der Universalität der Menschenrechte durchaus intakt zu sein.
Doch der Erosionserscheinungen gibt es viele – zu viele, um ihnen in diesem Rahmen gründlicher nachzugehen. Im Folgenden seien lediglich schlaglichtartig drei besonders zentrale Herausforderungen angesprochen: betreffend die Akteursebene, in Zusammenhang mit der sog. «Inflation» der Menschenrechte und hinsichtlich tatsächlicher und vermeintlicher Doppelstandards bei der Beachtung der Menschenrechte.